• Jutta Echterhoff

Alef - Ein Roman über Liebe und Identität

Wer bin ich und was davon bin ich bereit aufzugeben für einen anderen Menschen?




Alef ist der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets, ein lautloser Konsonant. Mit ihm beginnt das Wort Ahava (auf Deutsch Liebe). In der Mathematik steht er für die Stärke einer unendlichen Menge. Wie das Alef, der Beginn von allem und die Unendlichkeit, so sind die beiden Hauptfiguren in dem Roman „Alef“ von Katharina Höftmann Ciobotaru gemacht für die Ewigkeit.


Dieser Roman hat es in sich. Er beschreibt die Zerrissenheit zwischen der großen Liebe zu einem anderen Menschen und den kulturellen Unterschieden des Israelis Eitan und der Deutschen Maya. Und er beschreibt die vielen leidenschaftlich-verzweifelten Versuche, die Differenzen zu überwinden.


Um den inneren Konflikt beider Figuren zu begreifen, holt Katharina Höftmann Ciobotaru zwei Generationen weit aus und verleiht dem Paar in seinen Emotionen und Handlungen über die Beschreibung des Leidens und Schmerzes der Eltern und Großeltern eine Glaubwürdigkeit. Deutlich wird, wie stark das transgenerationale Gedächtnis und die kulturelle Prägung sind, die selbst eine große Liebe an ihre Grenzen bringt.



Sozialistische Prägung trifft...

Maya wird 1984 in Rostock geboren. Sie wächst im ostdeutschen Plattenbau auf, ohne Traditionen und ohne Religionszugehörigkeit. Ihre Mutter Astrid macht Karriere an der Universität und hat ein Alkoholproblem. Ihr Vater Wolf kümmert sich liebevoll um sie, kommt aber nach der Wende nicht mehr klar (sein Vater wiederum hat eine Nazi-Vergangenheit). Astrids Schwester flieht aus der DDR und driftet später nach rechts ab. Nüchtern und direkt, aber mit einer gewissen Situationskomik (Astrid besorgt sich nach dem Mauerfall mehrfach das Begrüßungsgeld und kauft sich eine Jeansjacke) beschreibt die Autorin die Familie von Maya.


... israelische Kultur

Eitan ist Israeli und jüdischen Glaubens. 1977 wird er als Sohn von Jaffa und Itzchak geboren.

Seine Eltern haben rumänische, irakische und deutsche Wurzeln. Sie alle leiden auf ihre Weise an Verlustschmerz und Entwurzelung. Die Mutter Eitans verlor im Krieg ihren geliebten Bruder Mordechai und auch seine Großmutter Bella trauert um ihren damals 16-jährigen Bruder Sigi, ihr ein uns alles, der sein Leben im KZ Theresienstadt lassen musste (seit ihrer Ankunft in Israel wartet sie am Fenster sitzend auf ihren Bruder). Das Vermächtnis der Vorfahren trägt auch Eitan in sich, ob er will oder nicht, ob bewusst oder unbewusst.



Wer ist Opfervolk und wer Tätervolk?

Als junge Erwachsene begegnen sich Maya und Eitan auf einer Indienreise zum ersten Mal. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Eitan macht recht früh deutlich, dass er sich ein Leben mit Maya vorstellen kann, sofern sie zum Judentum konvertiert. Es beginnen Jahre der hoffnungsvollen Versuche, des Scheiterns und Weiterkämpfens in Berlin und Tel Aviv.


Beide erleben schmerzhaft, dass sie gefangen sind in ihrer Identität als Deutsche und Israeli, mit allem, was ihnen aus der Vergangenheit anhaftet. Es kommen gewaltige Themen auf den Tisch: die schuldbehaftete deutsche Vergangenheit, die israelische Geschichte als „Opfervolk“. Beide können ihr Erbe nicht einfach so abstreifen.


,,Wie unfassbar fragil Geschichte doch war. Welchen Erinnerungen konnte man trauen? Welche waren eine riesengroße Geschichtsverfälschung? Eine Variante der Wirklichkeit, für die sich je nach eigenen Interessen, je nach eigenem Blickwinkel, entschieden wurde. Vielleicht auch die Variante der Wirklichkeit, mit der man am besten Leben konnte.“ S. 316



Mehr als eine Liebesgeschichte

Der Roman ist keine klassische Liebesgeschichte, er ist viel mehr. Intime und romantische Momente sind Fehlanzeige, und die braucht das Buch auch nicht. Es geht um Elementareres, ein Gefühl, was identitätsstiftender ist als wahre Liebe. Das Drama spielt sich auf einer anderen, wenn man so sagen will, höheren Ebene ab. Es geht um Vergangenheitsbewältigung, Identitätsfindung und das belastende kulturelle Erbe, das umso deutlicher zutage kommt, je größer die Unterschiede und Zuneigung sind.


Der Autorin ist es meisterhaft gelungen, die intrapsychische Perspektiven der beiden Figuren glaubhaft herauszuarbeiten. Als Leser/-in wünscht man sich, die beiden würden sich im 21. Jahrhundert einfach lossagen von kulturellen und familiären Erwartungen, denn sie werden von außen in keiner Weise gezwungen. Der Konflikt schwelt im Inneren und scheint dort fast unüberwindbar.


,,Und die Wurzeln des einen entwurzelten den anderen jeweils um die Hälfte.“ S. 63


Mich hat das Buch tief berührt. Es wirft mich zurück auf meine eigene Identität. Wieviel Vermächtnis vergangener Generationen und kulturelle Prägung stecken in jedem von uns?

Sprachlich ist der Roman hervorragend geschrieben, hat eine wunderbare Erzähldichte, frischt Geschichte anhand der Biographien auf und deckt besonders am Anfang mitunter recht amüsant menschliche Verfehlungen auf. Die Autorin beschreibt die Schicksale, ohne sie zu bewerten. Das Leiden der Familien wie Krieg, Flucht und Trauer sprechen für sich. Er beruht auf der autobiographischen Basis von Katharina Höftmann Ciobotaru.



Katharina Höftmann Ciobotaru wurde 1984 in Rostock geboren. Sie studierte Psychologie und deutsch-jüdische Gesichchte in Berlin, ist freie Journalistin und hat bereits mehrere Kriminalromane und Sachbücher veröffentlicht. Seit einigen Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Tel Aviv. Alef ist ihr erster literarischer Roman.