• Jutta Echterhoff

Das süßliche Trugbild des Feminismus

Alle reden vom neuen Feminismus, doch für Ann-Kristin Tlusty ist die Gesellschaft noch weit von einer Gleichberechtigung entfernt. Ihr Buch “Süß – Eine feministische Kritik” ist bei Hanser erschienen.


Plötzlich sind alle Feminist*innen. Bloß kann von echter Gleichberechtigung keine Rede sein. Warum wirken überholte Strukturen fort? Wie lassen sie sich abwracken? Ann-Kristin Tlusty betrachtet die inneren und äußeren Zwänge, die das Leben von Frauen auch heute prägen: Noch immer wird ihnen abverlangt, „sanft“ die Sorgen und Bedürfnisse der Gesellschaft aufzufangen. Jederzeit sollen sie dabei auf „süße“ Weise sexuell verfügbar erscheinen, gern auch unter feministischem Vorzeichen. Und bei alldem angenehm „zart“ niemals zu viel Mündigkeit beanspruchen. Im Interview erklärt Ann-Kristin Tlusty, welche Vorstellungen Frauen immer noch anhaften.


Liebe Ann-Kristin Tlusty, Süß spricht anders vom Feminismus als die meisten Artikel und Bücher. Wie kamst du auf deine Herangehensweise? Am Anfang stand die Beobachtung, dass zwischen dem längst weitverbreiteten feministischen Konsens und der Realität oft ein großer Graben klafft – auf der politischen wie auf der persönlichen Ebene und auf allen Ebenen dazwischen. Ich habe mich gefragt, woher diese Diskrepanz rührt.


„Süß“, was bedeutet dieses Wort in diesem Zusammenhang? Süß bedeutet erst einmal: verzuckerte Entfremdung. Damit meine ich all jene Vorstellungen von sogenannter Weiblichkeit, die Frauen in augenscheinlich liebliche, allgemein goutierte Rollen katapultieren – und mit Ausbeutung und Unterwerfung einhergehen können. Was süß ist, ist klebrig und zäh; Ideologie, die sich nicht leicht abstreifen lässt.


Das Buch reflektiert, was an Frauen herangetragen wird und sie selbst verinnerlichen – es geht um „sanfte Frauen“, „süße Frauen“ und „zarte Frauen“. Was sind das für Figuren, bei weitem nicht jede Frau verbindet ja etwas mit diesen Adjektiven?

Mit „sanften“, „süßen“ und „zarten“ Frauen sind nicht konkrete Personen gemeint, sondern Schimären rund um Weiblichkeit – langwährende Fantasien darüber, wie Frauen zu sein haben. Es ist in unserer Gesellschaft beispielsweise selbstverständlich, dass Frauen sehr viel mehr Sorgearbeit leisten, die oftmals schlecht oder gar nicht bezahlt wird; das meint „sanft“. Dass Frauen als sexuell nachgiebig und konsumerabel gelten; das meint „süß“. Dass Frauen in vielen Zusammenhängen viel weniger Mündigkeit zugestanden wird; das meint „zart“.


Wer sind eigentlich „die Frauen“ für dich, ist das überhaupt so leicht zu sagen? Nein, es gibt natürlich nicht „die Frauen“. Wie man diese Welt erlebt, von ihr profitiert und unter ihr leidet, hängt selbstredend nicht nur vom zugeschriebenen Geschlecht ab, sondern ebenso von vielen weiteren Faktoren, und nicht zuletzt schließen die Kollektivsubjekte „Männer“ und „Frauen“ all jene aus, die sich darin nicht wiederfinden. Trotzdem meine ich, dass diese binären Kategorien hilfreich sein können, um bestimmte ökonomische Ungerechtigkeiten, Phantasmen und unbewusste Annahmen zu verdeutlichen — mit dem Ziel, sie abzuschaffen.


Was kann ein politischer Essay verändern? Ein Essay allein nichts, viele Essays zusammen alles.




 






Ann-Kristin Tlusty

Süß – Eine feministische Kritik

Hanser Verlag, 208 Seiten, Hardcover

18,- € ISBN 978-3-446-27101-2

 






Ann-Kristin Tlusty, geboren 1994, hat Kulturwissenschaften und Psychologie studiert. Sie arbeitet seit 2018 als Redakteurin bei Zeit Online und lebt in Berlin.

© Sophie Meuresch