• Annette Coumont

Vielfältige Liebe braucht mehr Raum

Julia Shaw eröffnet neue Wege, über die eigene sexuelle Identität nachzudenken



Viele Menschen fühlen sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen. Und trotzdem bekennt sich kaum jemand dazu. Julia Shaw widmet sich in ihrem neuen Buch der größten sexuellen Minderheit – bisexuellen Menschen. Sie macht Bisexualität in Geschichte, Kultur und Wissenschaft sichtbar und zeigt anhand ihrer eigenen Identitätssuche, warum Bisexualität nach wie vor gesellschaftlich im Schatten steht. Dabei geht sie von Fragen aus, die sie selbst bewegen. Im Interview erklärt sie, warum das Thema für viele Menschen so bedeutend ist.


Liebe Julia, Bi beschäftigt sich auf einzigartige Weise mit dem Thema bisexueller Identität. Was hat Dich dazu bewogen, ein ganzes Buch über das Thema schreiben?

Weil es dieses Buch nicht gab. Mir fehlte eine wissenschaftlich fundierte Diskussion über Bisexualität. Als bisexuelle Frau wollte ich wissen, was Forscher*innen in diesem Bereich machen, und ob es sie überhaupt gibt! Deshalb habe ich vor kurzem einen Master in Queer History gemacht und die Bisexual Research Group gegründet, dadurch habe ich ganz viele spannende Einsichten aus der Forschung gewonnen.


Bi widmet sich unter anderem der historischen Einordnung von Bisexualität und der Frage, was Bisexualität heute bedeutet. Wie würdest du selbst die aktuelle Position von bisexuellen Menschen in unserer Gesellschaft bezeichnen?

Bi wird oft in queeren Diskussionen vergessen. Das ist tragisch für bisexuelle Menschen, die sich oft unsichtbar fühlen, und für Menschen, die neugierig auf das Thema sind. Bisexualität ist die größte sexuelle Minderheit und immer mehr junge Menschen identifizieren sich als bi, dennoch wird das Thema oft tabuisiert. Es gibt leider auch immer noch Doppel-Diskriminierung aus der Queer- und Heterowelt. Ich glaube auch deshalb sehen wir immer mehr Bi+-Gruppen und langsam identifizieren sich auch immer mehr Menschen in der Öffentlichkeit als bi. Aber es muss noch viel passieren.


Du näherst Dich dem Thema Bisexualität auf verschiedenen Ebenen. Historisch, naturwissenschaftlich, gesellschaftspolitisch und persönlich. Dadurch erfährt man nicht nur über Bisexualität enorm viel, sondern auch über den Umgang mit sexueller Identität an sich. Was macht das Buch in Deinen Augen relevant für Menschen, die grundsätzlich Fragen zur eigenen Sexualität haben?

Jeden könnten die Themen im Buch interessieren und viele Menschen hatten schon mal bisexuelle Gefühle. Ich finde es schade, wenn Menschen das nicht richtig einordnen oder es ignorieren. Es ist doch etwas Wunderschönes, wenn man sich in Menschen verlieben kann, egal welches Geschlecht sie haben. Mein Buch zeigt, dass in der Biologie, in der Geschichte und in der Psychologie dieses Thema immer wieder auftaucht. Und die Einsichten aus diesen unterschiedlichen Feldern können das Leben jedes Einzelnen bereichern.


Welche Einsichten aus der Forschung zum Thema Bisexualität waren bei den Recherchen für das Buch besonders ausschlaggebend?

Zum Beispiel aus der Zoologie die Erkenntnis, dass Bisexualität die Norm ist und es in allen Tierarten zu bisexuellem Verhalten kommt. In der Psychologie finde ich interessant, wie viele Menschen, die sich als heterosexuell beschreiben, bisexuelle Erfahrungen haben. Ich habe herausgefunden, dass es das Konzept von Bisexualität als sexueller Neigung schon seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt. Bisexualität ist kein Trend.


Was möchtest Du mit deinem Buch erreichen?

Aufmerksamkeit, Verständnis und Neugier auf das Thema. Mir ist bewusst, dass sexuelle Freiheit fragil ist und aus einer menschenrechtlichen Perspektive nicht selbstverständlich. Die meisten Bisexuellen dieser Welt werden unterdrückt. Ich habe das Glück, in Deutschland geboren worden zu sein und in Ländern zu leben, wo es zwar immer noch beim Thema Bisexualität Probleme gibt, aber ich lebe in Freiheit! Diese Freiheit wünsche ich jedem. Ich glaube mit fundierten Argumenten kann man besser dafür kämpfen und die gewinnt man hoffentlich aus meinem Buch.


 

JULIA SHAW, 1987 in Köln geboren und in Kanada aufgewachsen, ist Bestsellerautorin, internationale Referentin und forscht als promovierte Rechtspsychologin am University College London. Jüngst absolvierte sie den Masterstudiengang Queer History am Goldsmiths College, London. Ihr Buch Das trügerische Gedächtnis wurde 2016 international zum Bestseller und erschien in zwanzig Ländern, 2018 folgte Böse. Die Psychologie unserer Abgründe. @Boris Breuer






Julia Shaw

Bi - Vielfältige Liebe entdecken

Hanser Verlag, 25,- Euro

ISBN 978-1-83885-416-4