• Annette Coumont

Rezension: Die wir liebten

Willi Achtens Roman erzählt vom Schicksal zweier Jugendlicher in der biederen Provinz der 70er-Jahre und den Nachwirkungen des dunklen, verdrängten Kapitels der deutschen Geschichte



Deutschland im Generationenwechsel: Die 68er wachsen aus der Nachkriegsgeneration in einer Zeit der Krisen, Umbrüche und Veränderungen heran. Dazu gehört auch der jugendliche Erzähler Edgar, der zusammen mit seinem Bruder Roman bei seinen Eltern in der biederen Provinz von Mönchengladbach lebt. Die Mutter arbeitet in einer Lottoannahmestelle, der Vater in der heimischen Backstube. Seine Leidenschaft gilt einer neuen Flamme und der Literatur - er liest am liebsten Heinrich Böll. 


Wie überall in dieser späten Nachkriegszeit existiert in dem Dorf der Familie eine beunruhigende Parallelwelt, in der gleichzeitig antiautoritäre liberalisierende Strömungen und konservierte braune Gesinnung herrschen. Da ist Buhnke, der Dorfpolizist, der einst in der SS gedient hat und permanent das Verhalten der Familie und vor allem der Kinder überwacht: „Wir werden sie jagen”, ist sein Motto. Zusammen mit der Beauftragten vom Jugendamt, die stetig darum bemüht ist, Ordnung und Rechtschaffenheit in der guten Deutsche Familie zu bewahren, bildet sich ein unheilvolles Jagdgespann. Zum Zankapfel mit den beiden wird zunächst die Beherbergung der behinderten Tante, „unwertes Leben”, welches nicht in eine deutsche Familie, sondern eigentlich direkt in ein entsprechendes Heim gehört. Allein der Umstand, dass die Familie dem Druck des Amtes Widerstand leistet, verstärkt den geifernden Eifer die Familie zu verfolgen.  


„Nichts schien sich verändert zu haben, Mutter und Vater schliefen in einem Zimmer und in einem Bett. Aus ihren Worten war kein Streit, keine Verstimmung, kein Argwohn und keine Eifersucht herauszuhören. Nur eine Wortarmut saß bei uns am Tisch.” 

Als Edgar und Roman beginnen, sich mit heftigen Jugend-Streichen gegen latente gesellschaftliche Missstände aufzulehnen, der Vater von zu Hause auszieht (zu seiner Geliebten), und die Mutter dem Alkoholismus verfällt, spielen sie Polizei und Jugendamt die endgültig Karten in die Hand. Der feinfühlige Edgar und der beliebte, intelligente Roman werden auf Anordnung des Jugendgerichts den Eltern entzogen und in ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche, den „Gnadenhof”, eingewiesen. Man kann nur staunen: Die Eltern können der amtlichen Argumentation und dem richterlichen Entscheid nichts entgegensetzen und werden auch im Nachhinein darüber getäuscht, was tatsächlich in diesem Heim geschieht: Dort lebt der braune Ungeist in Form von systematischer Erniedrigung, Zwangsarbeit, sadistischer Willkür und schulischer Vernachlässigung fort. Wie kann das sein, fragt sich nicht nur jede/r Leser*in, der/die in dieser Zeit aufwuchs. 


Der Autor Willi Achten hat für seine Geschichte Anleihe an dem Kinderheim „Waldniel” in seiner Heimat genommen, in dem während der Nazizeit Kinder mit geistiger oder körperlicher Behinderung getötet wurden. Tatsächlich gehörten Erniedrigung, Prügel und Missbrauch in vielen Kinderheimen der jungen Bundesrepublik zum Alltag. Nur langsam kommt die Aufarbeitung eines Unrechts aus Deutschlands 50er und 60er-Jahre ans Licht, in denen die schwarze Pädagogik und alte Nazi-Muster in der Erziehung aufrecht erhalten wurde. Von diesen erfährt die Außenwelt erst heute.


„Ein leises, kaum hörbares Atmen grundierte die Stille, ließ uns die Sicherheit, nicht in einem Leichensaal zu sein. Wir passierten Bett um Bett, keines der Kinder sprach uns an. Ein ganz und gar stummer Ort.”

Wer eine normale Kindheit in den beginnenden 70er-Jahren erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, wie gefährlich der braune Virus für das junge Deutschland und seine einstigen Kinder noch war (und vielleicht immer noch ist?). Erlebte das Fernsehen nicht gerade seinen Aufschwung mit Shows wie „Dalli Dalli” und dem deutschen Fußball, bei dem das 7:0 des Lokalmatadors Borussia Mönchengladbach gegen Schalke 04 zum Fest der Freiheit wurde? Es gab Bob Dylan, Led Zeppelin, die Beatles und die Hippies und gleichzeitig auch Schlager wie "Schwarzbraun ist die Haselnuss" von Heino. Es gab eine Zeit des Übergangs von braunem Gehorsam und einer BRD mit bunten Schlaghosen und besetzten Häusern, in der diese Generation aufwuchs. 


„Als Kind ist der Gedanke, dass nichts bleibt und alles von der Zeit radiert wird und man am Ende derjenige ist, der die Erinnerungen in die Geschichten einer Familie in sich trägt, kein Gedanke, der sich denken lässt.” 

Willi Achten gelingt es, die tragische Geschichte so zu erzählen, dass wir zunächst von dem Schicksal der Jungen nichts ahnen. Man könnte zunächst meinen, einen Coming-of-Age-Roman zu lesen, der von einer besonders eindringlichen Poesie in der Sprache des Erzählers Edgar getragen wird. Doch das eigentliche Thema des Romans ist das Trauma und das kollektive Schuldgefühl einer Nachkriegsgeneration, die die noch glimmende braune Gesinnung ihrer Mitmenschen verdrängt und nie richtig aufarbeiten wird. Und ab der zweiten Hälfte des Romans schlägt uns diese Wahrheit ins Gesicht: Die Geschichte vibriert zunehmend und eine latente Bedrohung wird spürbar. Der Grat zur Katastrophe ist am Ende schmal und das Unfassbare geschieht: Der Sturz in eine verdrängte Nazi-Welt, die immer noch parallel, aber heimlich existiert. Was dort passiert, weckt heiße und kalte Gefühle, die noch lange nachschwingen und zum Nachdenken anregen. 


Besondere Leseempfehlung für alle Liebhaber guter Literatur und solche, die sich für die deutsche Nachkriegsgeschichte interessieren. Außerdem sollte der Roman zur Bildungslektüre bereits in Schulen gehören. 


Willi Achten

Die wir liebten

Roman , 384 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]

EAN 978-3-492-05994-7





© wix

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