• Jutta Echterhoff

Warum wir nicht alles verzeihen sollten

Nicht jeder hat eine zweite Chance verdient - Susanne Boshammers Buch “Die zweite Chance” liefert eindrucksvolle Erkenntnisse in die Philosophie des Verzeihens



Die Philosophieprofessorin Susanne Boshammer diskutiert in ihrem neuen Buch “Die zweite Chance” anregend und anschaulich, was es bedeutet, zu verzeihen. Auch wenn Verzeihen möglicherweise den eigenen inneren Frieden wieder herstellt, muss es nicht immer der richtig sein. Welche Gründe sprechen dafür, welche dagegen, jemanden einen zweite Chance zu geben? Haben wir manchmal nicht sogar die Pflicht, hart zu bleiben – um uns selbst zu schützen, für Gerechtigkeit zu sorgen oder unsere Selbstachtung zu wahren? Und was ist, wenn jemand keinerlei Reue zeigt?


Verzeihen zu können gilt als eine große menschliche Geste. Aber Menschen erleben die Entscheidung jemand anderen das Angetane zu verzeihen, oft ein Leben lang als einen starken inneren Konflikt mit tiefreifenden Emotionen. Soll ich verzeihen oder nicht? Gerade weil der Akt des Vergebens ist emotional vielschichtig ist und viele Dimensionen hat, ist diese Frage nicht einfach zu beantworten und muss sorgfältig getroffen werden.


Bei kleineren Vergehen fällt es leicht zu sagen “Klar, ich verzeihe dir, kein Thema”, schließlich begehen wir alle Fehler und bitten um Entschuldigung. Dem Impuls zu verzeihen nachzugeben, schafft das Thema schnell aus der Welt und die Beziehung zwischen beiden Parteien ist schnell wieder herstellt. Doch oftmals sind starke Emotionen wie Wut, Hass, Angst oder Liebeskummer im Spiel, die sich nicht so schell aus der Welt schaffen lassen, auch wenn ein Verzeihen auf den ersten Blick erlösend wäre und man wieder mit sich und dem anderen ins Reine kommt. Aber so einfach ist es eben nicht, erklärt Susanne Boshammer in ihrem Buch.


Den Sünder lieben und die Sünde hassen

Von Kirchenvater Augustinus führt Susanne Boshammer den Satz ins Feld “Ihr sollt den Sünder lieben und die Sünde hassen.” Darin steckt die Erkenntnis, dass wir alles Menschen sind, die Fehler begehen und ein Mensch immer mehr ist, als das was er tut. Aber muss ich deshalb verzeihen? Warum sollte ich überhaupt verzeihen?


Wunden, die die Zeit nicht heilt

Die tiefsten und nachhaltigsten Verletzungen fügen uns meistens die Menschen zu, die uns am nächsten stehen und mit deren Vertrautheit eine besondere Verwundbarkeit einhergeht. Die Wunden sind oft tief. Und Verzeihen ist auch immer eine Frage der Selbstachtung. Ich selbst schwäche meine Achtung vor mir selbst, wenn ich anderen das mir angetane Leid verzeihe.


Indem wir dem anderen erlauben, dass er sich das, was er uns angetan hat, nicht mehr zum Vorwurf macht, helfen wir ihm dabei, das eigene Gewissen zu entlasten. Susanne Boshammer hebt hervor, dass es Situationen gibt, in denen wir das nicht tun sollten oder jedenfalls nicht zu voreilig. Ein echtes Verzeihen kann ein Akt der Größe sein, wenn es gelingt, sich selbst nicht mehr als Opfer des Unrechts zu sehen.


Susanne Boshammer

Susanne Boshammer lehrt als Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Osnabrück und arbeitet zu Problemen der Moralphilosophie und der angewandten Ethik. Als Referentin für ethische Themen, Mitwirkende des internationalen Philosophie-Festivals „Phil.Cologne“ und regelmäßiger Gast im „Philosophischen Radio“ auf WDR5 ist es ihr besonderes Anliegen, philosophische Fragen allgemeinverständlich zu diskutieren.S







Susanne Boshammer

Die zweite Chance

Warum wir (nicht alles) verzeihen sollten

Rowohlt Verlag, 240 Seiten

ISBN 978-3-498-00681-5

© wix

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